Nichtfunktionale Anforderungen – die heimlichen Stars unter den Anforderungen

Mal ganz ehrlich – wer hat nicht schon von nichtfunktionalen Anforderungen gehört? Irgendwie scheinen diese Anforderungen in allen Büchern und Vorträgen über Requirements Engineering eine wichtige Rolle zu spielen. Doch wie sieht es in der Realität aus? In den meisten Spezifikationen, die ich zu lesen bekomme, fehlt diese Gattung von Anforderungen komplett. In diesem Artikel möchte ich eine Lanze für die seltene Spezies “nichtfunktionale Anforderungen” brechen und erklären, warum sie so wichtig sind.

Was sind nichtfunktionale Anforderungen?

Um diese Frage beantworten zu können, möchte ich erst einmal die funktionalen Anforderungen erklären. Alle Systeme haben bestimmte Funktionen, die sie erfüllen. Die Funktionen eines Systems sind essentiell, denn was bringt ein System, welches keine Funktion erfüllt? Schaut man sich z.B. ein Blutdruckmessgerät an, so hat das die Funktion den systolischen und diastolischen Blutdruck zu messen und anzuzeigen. Die funktionalen Anforderungen beschreiben somit, was ein System tut. Da den Ingenieuren meist klar ist, was ein System zu tun hat, verwundert es nicht, wenn die funktionalen Anforderungen meist einfach zu benennen sind. Schwieriger sieht es bei den nichtfunktionalen Anforderungen aus. Diese sind alle Anforderungen, die nicht zur Gruppe der funktionalen Anforderungen gehören und somit keine Funktion spezifizieren. Um diesen auf die Schliche zu kommen, möchte ich Ihnen eine schöne Abkürzung an die Hand geben, die ich selbst gehört und für mich erweitert habe. Die Abkürzung ist ursprünglich RAMST und steht für Reliability, Availability, Maintainability, Safety und Testability (zu Deutsch: Zuverlässigkeit, Verfügbarkeit, Wartbarkeit, Sicherheit und Testbarkeit). Diese Abkürzung ist bereits super. Ich würde diese jedoch noch leicht anpassen und zwei weitere Aspekte ergänzen. Daher ist meine Eselsbrücke DRAMSST. Das zusätzliche “D” steht für Design und betrifft somit alle Anforderungen an das Erscheinungsbild und die emotionalen Faktoren. Das kann die Form, die Farbe, die Haptik aber auch die Akustik sein. Ich verstehe darunter alle Anforderungen, die ein Produkt schön erscheinen lassen. Das zweite “S” steht für Security und bezieht sich auf die immer wichtiger werdende IT-Sicherheit von Produkten.

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Warum sind diese Anforderungen wichtig?

In der Überschrift habe ich die nichtfunktionalen Anforderungen als die heimlichen Stars bezeichnet. Ist das nicht ein bisschen übertrieben? Ich denke nicht und ich will es auch erklären. Was unterscheidet großartige Produkte von mittelmäßigen Produkten? Ich habe z.B. einen tollen Mixer in der Küche stehen. Funktional kann der Mixer nicht mehr, als viele anderen Mixer, die es zu Hauf gibt. Doch bei meinem Mixer habe ich ein gutes Gefühl. Das Design ist sehr schön und das Gerät ist so wertig, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass es jemals ausfällt. Kein einfaches Plastik, sondern eine qualitativ hochwertige Verarbeitung. Das Gerät läuft bereits seit 5 Jahren und macht keine Probleme. Den Unterschied zwischen großartigen und mittelmäßigen Produkten machen meist die nichtfunktionalen Anforderungen aus!

Bekannt ist an dieser Stelle das Kano-Modell, welches unten in der Abbildung dargestellt ist. Hier sieht man, dass es Basisfaktoren, Leistungsfaktoren und Begeisterungsfaktoren gibt. Bei Basisfaktoren wird vorausgesetzt, dass diese vorhanden sind. z.B. muss ein Mixer mixen können, sonst taugt das Gerät nichts und ich bin massiv unzufrieden. Dann gibt es die Leistungsfaktoren. Je höher die Drehzahl, desto besser mein Milchshake und desto zufriedener der Kunde. Und dann gibt es die Begeisterungsfaktoren. Ist der Mixer zuverlässig, ist er wertig, sieht er toll aus. Diese Faktoren begeistern den Kunden. Und diese sind alle nichtfunktional! Mit der Zeit, werden die Begeisterungsfaktoren dann immer mehr zu Leistungsfaktoren und schließlich zu Basisfaktoren. Das erste iPhone hatte mit seinem Touchscreen und seinem Design ein Alleinstellungsmerkmal und hat die Konkurrenz alt aussehen lassen. Heute gibt es schon Hersteller, deren Namen ich nicht kenne und deren Produkte die einstigen Begeisterungsfaktoren enthalten.

Stellen Sie sich daher die Frage, ob Sie mittelmäßige Produkte oder Produkte, die Begeisterung auslösen, entwickeln wollen. Je mehr Sie zu zweiterem tendieren, desto mehr sollten Sie sich mit nichtfunktionalen Anforderungen beschäftigen. Denn sie sind die unterschätzten Stars im Requirements Engineering.

Apropos Requirements Engineering: Wir unterstützen Sie gerne dabei Ihr Requirements Engineering zu verbessern. Gerne führen wir Reviews oder Schulungen durch und stehen Ihnen mit Rat und Tat zur Seite.

Viele Grüße

Goran Madzar

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Goran Madzar

Seit Mai 2007 bin ich zusammen mit meinem Kollegen Martin Bosch selbständig. Wir haben ein Ingenieurbüro im Innovations- und Gründerzentrum in Erlangen aufgebaut. Hier entwickeln wir für Kunden in der Medizintechnik mit unseren Mitarbeitern Lösungen für die Produkte von Morgen.

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