System Kontext – mehr als kalter Kaffee

In der Produktentwicklung startet man oft mit einer Idee und einem weißen Blatt Papier. Doch wie befähigt man ein Entwicklungsteam dazu, aus einer Idee ein Produkt zu entwickeln? Hierzu kann ein Workshop nützlich sein, dessen Ablauf und Inhalte ich in diesem Blogbeitrag skizzieren möchte. Damit alle abgeholt werden, nehme ich ein einfaches Produktbeispiel, unter dem sich jeder etwas vorstellen kann. Es geht um eine Kaffee-Tasse für den Einsatz im Auto, welche den Kaffee mithilfe einer integrierten Heizung warmhalten kann. Jetzt hat bestimmt jeder schon erste Bilder eines möglichen Produktes im Kopf, oder? Doch klar spezifiziert ist das Produkt damit selbstverständlich noch nicht.

Das Mission Statement

Das Mission Statement ist eine kurze und prägnante Definition des Ziels der Entwicklung. Es gibt Orientierung in der Entwicklung und offenbart allen Beteiligten, was wir vorhaben. „Wir beabsichtigen innerhalb dieses Jahrzehntes bemannt zum Mond zu fliegen“. Das ist z.B. ein Mission Statement und benennt klar, was geplant ist. Und wie könnte so ein Mission Statement für unseren Kaffee-Tasse aussehen? Überlegt gerne selbst und schreibt eines auf, bevor ihr weiterlest.

Und, habt ihr etwas formulieren können? Schreibt es gerne in den Kommentarbereich! Ich bin gespannt. Hier kommt mein Vorschlag:

Schluss mit kaltem Kaffee! Jeder Mensch, der viel Zeit im Auto verbringt, soll mit unserer Tasse HotCarCup während der Autofahrt heißen und leckeren Kaffee trinken können!

Das klingt jetzt erst mal nach Marketing blabla, aber dahinter stecken schon viele Informationen, die für die Entwicklung relevant sind. Die Zielgruppe wird genannt, der Produktname, das Einsatzszenario und der Einsatzort. Hängt den Satz am besten gut zugänglich für das Team auf, so dass er immer als Kompass dient und klar macht, was wir vorhaben.

Der System Kontext

Nachdem klar ist, was unsere Mission ist, machen wir mit dem System Kontext weiter. Der System Kontext ist eine grafische Darstellung des Systems und das erste Diagramm der System Architektur. Es zeigt die Systemgrenze und beantwortet damit die Frage, was Teil des Systems ist und was nicht. Es zeigt die Schnittstellen zu anderen Systemen oder Personen, mit denen das System wechselwirkt.

So ein Diagramm fördert das gemeinsame Verständnis und die Klärung vieler wichtiger Fragen. Im Rahmen des Workshops kann man das Diagramm gemeinsam, z.B. an einem Whiteboard, entwickeln. Wichtig ist dabei, dass jeder das Diagramm versteht und mitdiskutieren kann. Das sollte bei dem oben gezeigten Diagramm kein Problem sein.

Richtige Fragen stellen um Anforderungen zu ermitteln

Es geht weiterhin darum, die für das Produkt relevanten Anforderungen zu ermitteln. Dazu dient das Aufbringen von Fragen sowie deren Diskussion. Für unser Beispiel könnten mögliche Fragen folgendermaßen formuliert werden:

  • Welche Autos sollen in Betracht gezogen werden?
  • Wie sieht die mechanische und elektrische Schnittstelle in Autos aus?
  • Werden Adapter benötigt?
  • Was muss eine Tasse erfüllen, um Spülmaschinenfest zu sein?
  • Wie hoch und wie breit darf eine Tasse sein, damit sie in die gängigen Kaffee Maschinen passt?
  • Welche Umgebungstemperaturen herrschen in dem Auto?
  • Wie muss die Verschlusskappe beschaffen sein, damit kein Kaffee verschüttet wird aber trotzdem trinkbar bleibt?
  • Gibt es hygienische Anforderungen an die Tasse?
  • Gibt es normative Anforderungen an Kaffee-Tassen in Autos?

Euch fallen bestimmt noch weitere Fragen ein. Und viele davon wird man auch nicht spontan beantworten können. Aber zumindest stellt man schon mal die richtigen Fragen! Diese sollten z.B. in einem Fragenkatalog festgehalten und dann nach und nach beantworten werden. Das schafft Klarheit für alle Beteiligten!

Der Nutzen des Produktes

Ein Produkt wird gekauft, weil es einen Nutzen für den Käufer hat. Bei so einer Tasse können die Nutzen sehr unterschiedlich sein. Es kann sich um ein Lifestyle Produkt handeln, bei dessen Nutzung sich der Käufer einfach gut fühlt. Vielleicht ist das Produkt besonders umweltfreundlich und spart jede Menge Müll. Dann ist der Nutzen des Produkts, die Umwelt nicht mit unnötig vielen Wegwerf-Bechern zu vermüllen. Vielleicht steht aber auch die Geldersparnis im Vordergrund, da der Käufer seinen Kaffee zuhause günstiger zubereiten kann und ihn dann nicht teuer auf Autobahnraststätten erwerben muss. Das Nutzenversprechen des Produkts hat eine erhebliche Auswirkung auf seine Architektur und sein Design. Steht das Preisargument im Vordergrund, dann muss vermutlich auch die Tasse günstig sein und man wird keine teuren Materialien verwenden können. Bei Lifestyle Produkten ist das vermutlich anders. Klärt daher den Nutzen des Produktes zu Projektbeginn. Warum kauft jemand das Produkt?

Fazit

Workshops in dem hier beschriebenen Format sind absolut sinnvoll, um das Entwicklungsteam in die Lage zu versetzten das richtige Produkt zu entwickeln. Denn nur wenn man die Anforderungen am Anfang richtig spezifiziert, kann am Ende auch das rauskommen, was man sich vorgestellt hat bzw. was man gemeinsam erarbeitet hat. Doch auch hier noch eine Warnung: die Welt verändert sich und damit auch die Anforderungen an Kaffeetassen. Hierzu ein Beispiel: Wenn sich in Zukunft USB-Buchsen in Autos durchsetzen, so ist der im Vergleich teure Stecker für den Zigarettenanzünder eventuell eine schlechte Wahl (zudem kann der Kaffeebecher mit USB-Anschluss auch außerhalb des Autos betrieben werden). Bitte bedenkt, dass sich nach einer Daumenregel ca. 2-5% der Anforderungen an ein Produkt pro Monat ändern! Daher ist es unglaublich wichtig, Produkt-Spezifikationen zu verschriftlichen und ständig im Blick zu behalten. Requirements Management Tools (z.B. Polarion oder Doors) sind für komplexe Systeme also ein MUSS! Und wie man sieht, ist selbst ein augenscheinlich einfaches System komplexer als man denkt und bei weitem kein kalter Kaffee.

Braucht ihr Hilfe bei der Produktentwicklung oder sollen wir gemeinsam so ein Workshop veranstalten? Dann meldet euch gerne bei mir.

Viele Grüße

Goran Madzar

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Autor

  • Goran Madzar

    Seit Mai 2007 bin ich zusammen mit meinem Kollegen Martin Bosch selbständig. Unser Standort ist im Innovations- und Gründerzentrum in Erlangen. Hier entwickeln wir für Kunden in der Medizintechnik mit unseren Mitarbeitern Lösungen für die Produkte von Morgen.

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One comment on “System Kontext – mehr als kalter Kaffee
  1. Ich gebe Dir völlig recht, vor allem ohne diese Klarheit durch Mission und transparent notierten Anforderungen wird alles schwierig zu greifen.

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