IEC TS 60601-4-2 erklärt: Funktionale Leistungsmerkmale und EMV-Anforderungen für Medizinprodukte

Martin Bosch

13/08/2026

Bei EMV-Prüfungen von Medizinprodukten liegt der Fokus traditionell auf Basissicherheit und wesentlichen Leistungsmerkmalen (Essential Performance). Doch was passiert mit Funktionen, die zwar nicht direkt sicherheitskritisch sind, aber dennoch eine wichtige Rolle für die klinische Anwendung spielen?

Genau hier setzt die IEC TS 60601-4-2 an. Während die meisten Hersteller die grundlegenden Anforderungen der IEC 60601-1 und die EMV-Kollateralnorm IEC 60601-1-2 kennen, sind weitere Dokumente aus der Normenfamilie häufig weniger bekannt.

Neben internationalen Normen veröffentlicht die IEC auch Technical Specifications (TS) und Technical Reports (TR). Diese Dokumente enthalten zusätzliche Leitlinien und Empfehlungen zur Anwendung bestehender Normen. Bereits 2016 veröffentlichte die IEC den Technical Report IEC TR 60601-4-2. Im Jahr 2024 wurde dieser durch die Technical Specification IEC TS 60601-4-2 ersetzt.

Was ist die IEC TS 60601-4-2?

Die IEC TS 60601-4-2 ergänzt die in der IEC 60601-1-2 beschriebenen EMV-Anforderungen durch zusätzliche Leitlinien zur Bewertung der Produktleistung unter elektromagnetischen Störungen.

Die IEC 60601-1-2 definiert Anforderungen an die elektromagnetische Verträglichkeit von Medizinprodukten und betrachtet dabei insbesondere mögliche Auswirkungen auf Basissicherheit und wesentliche Leistungsmerkmale (Essential Performance).

Viele Medizinprodukte verfügen jedoch über weitere Funktionen, die für die Zweckbestimmung relevant sind, auch wenn deren Ausfall nicht unmittelbar zu einem unvertretbaren Risiko führt. Die IEC TS 60601-4-2 unterstützt Hersteller dabei, solche funktionalen Leistungsmerkmale zu identifizieren und deren Verhalten unter elektromagnetischen Störungen systematisch zu bewerten.

Wichtig ist dabei: Die IEC TS 60601-4-2 ist keine eigenständige Produktnorm, sondern eine technische Spezifikation, die Herstellern zusätzliche Orientierung für die Bewertung und Dokumentation der Produktperformance bietet.

IEC TS 60601-4-2 EMV-Anforderungen für Medizinprodukte

Warum reicht die Betrachtung von Basissicherheit und Essential Performance nicht immer aus?

Die klassische EMV-Bewertung von Medizinprodukten konzentriert sich auf die Frage, ob elektromagnetische Störungen zu einer Gefährdung von Patienten oder Anwendern führen können. Dafür werden insbesondere Basissicherheit und Essential Performance betrachtet.

In der Praxis besitzen viele Medizinprodukte jedoch Funktionen, die über diese Sicherheitsbetrachtung hinausgehen. Diese Funktionen sind möglicherweise nicht direkt sicherheitskritisch, können aber entscheidend für die bestimmungsgemäße Anwendung sein.

Ein Beispiel: Ein medizinisches Gerät kann Messdaten speichern, übertragen oder darstellen. Wenn diese Funktionen durch elektromagnetische Störungen beeinflusst werden, entsteht möglicherweise kein unmittelbares Sicherheitsrisiko. Dennoch können fehlerhafte oder verlorene Daten die weitere Diagnose oder Therapieentscheidung beeinflussen.

Die IEC TS 60601-4-2 erweitert daher die Perspektive: Nicht nur sicherheitskritische Funktionen müssen betrachtet werden, sondern auch weitere Funktionen, die für die Zweckbestimmung des Medizinprodukts relevant sind.

Die Begriffe lassen sich vereinfacht wie folgt unterscheiden:

Begriff

Bedeutung

Basissicherheit

Schutz vor unvertretbaren Risiken durch Gefährdungen des Medizinprodukts

Essential Performance

Funktionen, deren Ausfall oder Verschlechterung ein unvertretbares Risiko verursachen kann

Funktionale Leistungsmerkmale

Weitere Funktionen, die für die bestimmungsgemäße Anwendung relevant sind

Welche funktionalen Leistungsmerkmale betrachtet die IEC TS 60601-4-2?

Die IEC TS 60601-4-2 nennt verschiedene Beispiele für Funktionen, die Bestandteil der Zweckbestimmung eines Medizinprodukts sein können, aber nicht zwingend als Essential Performance eingestuft werden.

Dazu gehören beispielsweise:

  • die Fähigkeit eines Ultraschallgeräts, ein Bild über eine Schnittstelle auszudrucken,
  • die Fähigkeit einer Patientenwaage, das Gewicht eines Patienten korrekt zu messen,
  • die korrekte Übertragung oder Speicherung von Messdaten,
  • die zuverlässige Darstellung von Informationen für den Anwender.
Beim Beispiel der Ultraschallbild-Ausgabe verfügt das Medizinprodukt beispielsweise über eine kabelgebundene Datenschnittstelle. Diese Schnittstelle wird möglicherweise während EMV-Prüfungen berücksichtigt, stellt aber nicht zwangsläufig ein wesentliches Leistungsmerkmal dar.

Im klinischen Alltag kann jedoch entscheidend sein, dass die übertragenen Daten korrekt und vollständig sind, da diese möglicherweise Grundlage für weitere diagnostische oder therapeutische Entscheidungen sind.

Die Bewertung funktionaler Leistungsmerkmale sollte nicht isoliert erfolgen, sondern in den Entwicklungs- und Risikomanagementprozess des Medizinprodukts integriert werden. Gemäß ISO 14971 müssen Hersteller Risiken systematisch identifizieren, bewerten und geeignete Maßnahmen zur Risikokontrolle definieren. Dazu gehört auch die Betrachtung möglicher Auswirkungen elektromagnetischer Störungen auf die Produktfunktion.

Wie kann man die Vorgaben der IEC TS 60601-4-2 als Hersteller umsetzen?

Vor einer EMV-Prüfung sollten Hersteller folgende Punkte berücksichtigen:

  1. Relevante Funktionen identifizieren
    Alle Funktionen des Medizinprodukts sollten hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Zweckbestimmung bewertet werden.
  2. Performance-Kriterien definieren
    Für relevante Funktionen sollte festgelegt werden, welches Verhalten während und nach elektromagnetischen Störungen akzeptabel ist.
  3. Prüfanforderungen ableiten
    Die definierten Kriterien müssen in geeignete EMV-Prüfungen integriert werden, damit die Produktperformance unter Störeinflüssen bewertet werden kann.
  4. Ergebnisse dokumentieren
    Die Bewertung und die Prüfergebnisse sollten nachvollziehbar in die technische Dokumentation einfließen.
Durch eine frühzeitige Definition funktionaler Leistungsmerkmale können Hersteller Unsicherheiten bei der EMV-Prüfung reduzieren und regulatorische Nachweise effizienter vorbereiten.

Für Zulassungen in den USA gewinnt die Bewertung funktionaler Leistungsmerkmale zunehmend an Bedeutung. Die FDA empfiehlt die Anwendung der IEC 60601-4-2 zur Bewertung von Funktionen, die mit der bestimmungsgemäßen Verwendung eines Medizinprodukts verbunden sind. Da die Prüfverfahren weitgehend den Verfahren der IEC 60601-1-2 entsprechen, können sie in der Regel im Rahmen derselben EMV-Prüfung bewertet werden.

Fazit: IEC TS 60601-4-2 erweitert die Betrachtung von EMV-Anforderungen

Die IEC TS 60601-4-2 erweitert die Betrachtung von EMV-Prüfungen bei Medizinprodukten. Neben Basissicherheit und Essential Performance rücken auch weitere Funktionen in den Fokus, die für die bestimmungsgemäße Anwendung eines Medizinprodukts relevant sein können.

Für Hersteller bedeutet dies, dass funktionale Leistungsmerkmale bereits während der Produktentwicklung und bei der Vorbereitung von EMV-Prüfungen berücksichtigt werden sollten.

Eine strukturierte Bewertung dieser Funktionen unterstützt nicht nur eine bessere EMV-Strategie, sondern schafft auch eine belastbare Grundlage für technische Dokumentation und internationale Zulassungen.

Wir unterstützen Hersteller von Medizinprodukten bei der Definition geeigneter Performance-Kriterien und der Vorbereitung von EMV-Prüfungen nach IEC 60601-1-2 und IEC TS 60601-4-2. Kontaktieren Sie uns für eine unverbindliche Erstberatung.

Weiterführende Informationen:


Geschrieben von Martin Bosch

Martin Bosch ist ein Vollblut Hardware-Entwickler, der seine Leidenschaft für Elektronik bei der MEDtech Ingenieur GmbH verwirklicht. Sein Fachgebiet umfasst die Entwicklung von Embedded Elektronik, speziell für medizinische Anwendungen. Dabei liegt sein Fokus auf dem Design von Leiterplatten und Schaltungen, die sowohl Mikrocontroller als auch analoge Schaltungstechnik integrieren. Diese kommen in einer Vielzahl von Geräten zur Anwendung, von Blutanalysegeräten bis hin zu Defibrillatoren.


Weitere Beiträge

  • 16/06/2026
  • Allgemein, Dokumentation, Regulatory, Validierung

Die neue EU‑Batterieverordnung ist seit 2023 beschlossen und wird schrittweise wirksam. Dabei kann die Batterieverordnung 2023/1542 in der Medizintechnik, besonders auf die Medizinproduktehersteller einen sehr großen Einfluss haben. Sie ...

Weiterlesen
  • 28/05/2026
  • Allgemein, Dokumentation, Embedded, Hardware, Normen, Software

Warum FPGAs in Medizinprodukten zunehmend in den Fokus von Software-Audits geraten und wie Sie regulatorische Risiken frühzeitig vermeiden. Wenn programmierbare Logik plötzlich im Software-Audit landet, kann es schnell ungemütlich ...

Weiterlesen
  • 14/05/2026
  • Allgemein, Fertigung, Produktion

Viele Medizintechnik-Unternehmen stehen vor der zentralen Herausforderung, ein entwickeltes Medizinprodukt von der Entwicklung in die Serienfertigung zu überführen – und das unter Einhaltung von MDR, ISO 13485 und vollständiger ...

Weiterlesen