Verbandkasten, Warnweste, Vignette … wie Checklisten unser Leben erleichtern

Wenn eine längere Autofahrt ansteht, ist es gut, einige Sachen zu prüfen: Ist der Verbandkasten noch aktuell? Was ist die erlaubte Höchstgeschwindigkeit im Urlaubsland? Sind Warnwesten im Fahrzeug für alle Mitfahrer? Dafür gibt es Checklisten beim ADAC 😊. Und eine Checkliste zu nutzen ist keine Schande, der Pilot im Urlaubsflieger schaut hoffentlich auch auf seine Checkliste.

Inspiriert zu diesem Beitrag wurde ich von Atul Gawandes Buch “Checklist-Strategie“. Gawande ist Mediziner, um genau zu sein, Chirurg, und wurde von der WHO in ein Gremium gerufen, um eine chirurgische Checkliste zu entwickeln. Von der Entwicklung dieser Checkliste und von Checklisten allgemein handelt sein Buch. Darin zeigt er den Nutzen von Checklisten in komplexen Vorgängen, von finanziellen Investitionen über medizinische Operationen, Steuern von Flugzeugen und Abläufen in der Top-Gastronomie bis zu modernen Großbaustellen.

Wie er schreibt, haben in einem komplexen Umfeld Fachleute mit zwei Problemen zu kämpfen, der Fehlbarkeit des menschlichen Gedächtnisses und dem bewussten Unterlassen von Prozess-Schritten.

Checklisten helfen gegen Fehlbarkeit des Gedächtnisses

Ein Beispiel für eine Checkliste, die im Alltag häufig vorkommt, ist ein Kochrezept. Und vermutlich hat jeder schon einmal erlebt, dass der Kuchen nicht gelingt, wenn man eine wichtige Zutat oder einen der Prozessschritte (Teig 15 Minuten gehen lassen) übersieht. Wenn man sich dagegen an ein Rezept hält, kann man ziemlich sicher sein, dass das Essen schmackhaft wird.

Checklisten verhindern Weglassen von Prozessschritten

Das zweite Hauptproblem ist, dass Leute bewusst Prozessschritte unterlassen, obwohl sie eigentlich wissen, dass sie etwas nochmal prüfen sollten. Also z. B. wird nicht mehr geprüft, ob die Spannungsversorgung richtig dimensioniert ist, weil man sie ja schon aus dem Vorgängerprojekt übernommen hat und sie bisher immer funktioniert hat. Wenn aber die Checkliste im Schaltplan-Review die Dimensionierung der Spannungsversorgung abfragt, dann wird der Punkt im Review auf jeden Fall angesprochen.

Gawande bringt für den Nutzen von Checklisten eindrucksvolle Beispiele:

  • Die 10-Tage-Infektionsrate bei Anlegen eines zentralen Venenkatheters sank nach Einführung einer Checkliste von 11% auf 0%, wodurch viele Menschenleben gerettet werden.
  • Die Unfallrate von Passagierflugzeugen ist unglaublich niedrig angesichts der Komplexität des Fliegens. Aber ganze Abteilungen arbeiten bei den großen Flugzeugherstellern an der Erstellung von Checklisten zur Steuerung und Bedienung der Flugzeuge.
  • Schließlich geht er auch auf die Ergebnisse der von ihm mitentwickelten Checkliste für chirurgische Operationen ein. Die Einführung in 8 Krankenhäusern weltweit wurde ausgewertet und es ergab sich, dass dadurch die Komplikationen bei Operationen deutlich verringert wurden, bei den meisten teilnehmenden Kliniken im zweistelligen Prozentbereich.
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Arten von Checklisten

Es gibt im Wesentlichen zwei Arten von Checklisten: Read-Do und Do-Confirm.

Read-Do-Checkliste

Eine Read-Do-Checkliste ist zum Beispiel ein Kochrezept. Man liest sich den nächsten Prozess-Schritt durch und führt ihn danach aus.

Do-Confirm-Checkliste

Bei Do-Confirm dagegen prüft man die durchgeführten Schritte erst nach der Durchführung während einer kurzen Pause im Ablauf. Die meisten der Checklisten in der Embedded-Entwicklung gehören zu dieser Kategorie. Es wird ein Review-Termin angesetzt und bei diesem eine Checkliste abgearbeitet. Das bedeutet nicht, dass die Checkliste nicht vorher schon vom Entwickler geprüft wurde. Es kann auch kleine Checklisten geben, für die kein Review-Meeting vorgesehen wird, z. B. für das Anlegen von Bauteilen in einem CAD-System.

Checklisten benötigen Disziplin

Der Widerstand gegen Checklisten ist hoch und scheint ein menschliches Prinzip zu sein. Zumindest beschreibt Gawande dies in seinem Buch und oft soll auch in Projekten Zeit gespart werden, indem Review-Meetings kurz gehalten werden. Es erfordert Disziplin, sich an Checklisten zu halten und deren Einhaltung zu prüfen, und der Erfolg ist schwer messbar. Gut ist, in einem Ablauf Zeitpunkte oder Meilensteine zu definieren, in denen eine Prüfung anhand einer Checkliste erfolgt.

Fazit

Checklisten sind ein wichtiges Werkzeug in der Medizin, in der Luftfahrt und auch in der Werkzeugkiste des Entwicklungsingenieurs. Wenn in einem Bereich Fehler auftreten oder immer wieder Prozessschritte vergessen werden, dann prüfen Sie doch einmal, ob diese Fehler vielleicht durch eine Checkliste vermieden werden können. Und falls das Thema für Sie interessant ist, dann ist das Checklist-Manifest ein empfehlenswertes Buch. Gute Checklisten behindern uns nicht und verhindern auch nicht Kreativität und Innovation. Im Gegenteil: Indem man sich weniger auf die Routine-Tätigkeiten konzentrieren muss, bleibt mehr Zeit für neue Ideen.

Abschließende Tipps

  • Gute Checklisten leben und müssen gepflegt werden.
  • Checklisten sollten praktisch sein.
  • Checklisten sollten nicht zu lang sein.
  • Checklisten sollen nicht vage sein.

Am Beispiel der Elektronik-Entwicklung können Checklisten sinnvoll an folgenden Stellen eingesetzt werden:

  • Schaltplan-Review
  • Übergang von Schaltplan zu Layout
  • Layout-Review
  • Bauteilerstellung und Bibliothekspflege
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Martin Bosch

Martin Bosch ist ein Vollblut Hardware-Entwickler und lebt seine Leidenschaft für Elektronik-Entwicklung selbständig im Ingenieurbüro Madzar & Bosch aus. Der Schwerpunkt der Tätigkeit liegt in der Entwicklung von Embedded Elektronik für medizinische Anwendungen. Embedded Elektronik bedeutet hierbei den Entwurf von Leiterplatten und Schaltungen mit Mikrocontrollern und analoger Schaltungstechnik für verschiedenste Geräte, von Blutanalyse-Geräten bis zu Defibrillatoren.

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