Günstige Bauteile aus China: Die unterschätzten Risiken in der Medizintechnik

Martin Bosch

20/11/2025

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, günstige Komponenten in China zu beschaffen? Die Versuchung ist groß, wir kennen das. Und wir haben bereits einige Erfahrungen gesammelt, von denen ich ein paar teilen möchte.

Gefahr durch Second-Source-Komponenten: 3 Praxisbeispiele aus der Medizintechnik

1) Pulsfeste Widerstände

Ein Kunde wollte die hochwertigen, pulsfesten und präzisen Widerstände von Metallux durch eine günstigere Second-Source-Variante aus China ersetzen.

Das Datenblatt? Eine nahezu identische Kopie des Original-Widerstands.

Das Ergebnis im Pulstest? Die günstige Variante hat sich wortwörtlich verabschiedet, sie ist einfach abgeraucht.

2) Second Source – gewollt oder nicht

Chinesische Hersteller ersetzen Originalteile häufig durch günstigere Second-Source-Komponenten, teils bewusst, teils ohne Rücksprache. Das kann funktionieren, birgt aber auch erhebliche Risiken.

Ein gutes Beispiel sind Stecker von JST, die weit verbreitet sind und daher oft nachgebaut werden. Die „kompatiblen“ Alternativen sehen dem Original oft täuschend ähnlich, aber gerade bei kleinen Steckern sind die Toleranzen kritisch. Second-Source-Produkte durchlaufen vermutlich nicht dieselbe umfassende Prüfung und Verifizierung wie die Originale von JST.

Wir haben bereits erlebt, dass die Kombination aus einem Original-JST-Stecker auf der Leiterplatte und einem Second-Source-Stecker am Akku zu sporadischen Problemen führt. Optisch sind die Unterschiede kaum zu erkennen – z. B. nur durch genaues Hinsehen (mit dem Mikroskop) beim Hersteller-Logo. Aber gerade sporadische Ausfälle im Feld sind besonders ärgerlich. Deshalb fordern wir unsere Lieferanten konsequent auf, ausschließlich Original-Teile zu verwenden.

3) USB-Netzteil

USB-Netzteile werden für viele elektrische Produkte benötigt. Neben der elektrischen Funktion müssen sie alle relevanten Zertifikate und Prüfberichte für die CE-Konformität mitbringen. Und genau hier scheitern viele Anbieter: Entweder fehlen die Dokumente ganz oder es gibt nur Teilnachweise – z. B. EMV-Konformität, aber keine Basissicherheit.

Wir prüfen alle Komponenten, die wir sourcen, sehr gründlich.

Bei einem USB-Netzteil mit vollständiger CE-Dokumentation ist uns bei der Evaluierung Folgendes aufgefallen:

Sehen Sie den Fehler?

Im folgenden Bild ist er hervorgehoben:

Ein Elektrolyt-Kondensator direkt über der Trennstrecke. Damit sind sämtliche Luft- und Kriechstrecken hinfällig, ein klarer Designfehler.

Auch die Messung der leitungsgebundenen Störungen lag oberhalb des Limits:

Wir haben den Distributor informiert und werden weiterhin Komponenten, die wir sourcen, sorgfältig evaluieren.

Fazit für Hersteller und Entwickler in der Medizintechnik:

Nicht alle Erfahrungen mit chinesischen Lieferanten sind negativ – mit einigen arbeiten wir seit Jahren erfolgreich zusammen. Und auch europäische Anbieter haben in der Vergangenheit, insbesondere während der Zeiten eingeschränkter Verfügbarkeit, fehlerhafte Bauteile geliefert.

Deshalb gilt: Vorsicht ist besser als Nachsicht.

Und wenn Sie Unterstützung bei der Evaluierung von Komponenten benötigen, sprechen Sie uns einfach an. Wir helfen gerne weiter!

Und falls Sie Unterstützung in der Hardwareentwicklung brauchen, dann schauen Sie doch mal hier vorbei: Hardwareentwicklung


Geschrieben von Martin Bosch

Martin Bosch ist ein Vollblut Hardware-Entwickler, der seine Leidenschaft für Elektronik bei der MEDtech Ingenieur GmbH verwirklicht. Sein Fachgebiet umfasst die Entwicklung von Embedded Elektronik, speziell für medizinische Anwendungen. Dabei liegt sein Fokus auf dem Design von Leiterplatten und Schaltungen, die sowohl Mikrocontroller als auch analoge Schaltungstechnik integrieren. Diese kommen in einer Vielzahl von Geräten zur Anwendung, von Blutanalysegeräten bis hin zu Defibrillatoren.


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